, Zeugenbericht

Patricia Büttiker

 1.   Warum engagierst du dich für TESORO?
2023 stiess ich per Zufall auf die Sendung «Künste im Gespräch» mit Paola De Martin. Das Gespräch interessierte mich, weil Paola über soziale Herkunft sprach, ein Thema, das auch mich stark beschäftigt. Ich steckte damals inmitten der Aufarbeitung der Familiengeschichte meiner Mutter und suchte Anschluss bei Gleichgesinnten. Mit meiner Geschichte als Urenkelin eines italienischen Einwanderers, dessen Familie schon früh die Repression der Schweizer Behörden zu spüren bekam, fand ich beim Verein TESORO Gehör. Ich merkte schon bald, dass es zwischen dem Leid migrantischer Familien und dem Leid der Familie meiner Mutter, die von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen betroffen war, Parallelen gibt. Die Sprachlosigkeit ist eine solche Parallele, die Auswirkungen über Generationen, die Gewalt und Willkür der Behörden. 

2.   Welche persönlichen Erfahrungen verbindest du mit den Anliegen von TESORO?
Meine Mutter starb früh, Onkel und Tanten lernte ich erst als junge Erwachsene kennen, die Grosseltern habe ich nie kennengelernt. Ich hatte also kaum Gelegenheit, meine Verwandten mütterlicherseits nach ihrer Geschichte zu fragen. Die Familiengeschichte arbeitete ich darum fast ausschliesslich über Akten auf. Einige Akten geben Auskunft über «Heimschaffungen», die auf Ebene des Regierungsrats beschlossen wurden. In der Familie meiner Mutter gab es insgesamt fünf. Die erste erfolgte 1897, nachdem mein Urgrossvater gestorben war. Meine von Armut betroffene Urgrossmutter, die durch die Heirat mit meinem italienischen Urgrossvater ihr Schweizer Bürgerrecht verloren hatte, wurde zusammen mit den vier Kindern nach Italien abgeschoben. Die Schweizer Gemeinde, wo sie lebten, konnte oder wollte für die Familie nicht aufkommen. Die Akten geben keine Auskunft darüber, wie die Familie eine neue Wohnung fand, wie sie sich in der fremden Umgebung zurechtfand, wie es für die Kinder war, ihre sozialen Kontakte neu aufzubauen.

3.   Was wünschst du dir für die zukünftigen Generationen?
Durch die Familienforschung kann ich auf eine Zeit zurückblicken, in der Menschen, die nicht dem bürgerlichen Ideal entsprachen, kriminalisiert wurden. Vormundschaftsbehörden zwangen ledige Mütter, ihre Kinder wegzugeben. Frauen wurden vor die Wahl gestellt, sich entweder sterilisieren zu lassen oder in der psychiatrischen Klinik verwahrt zu bleiben. Dem Alkohol zugeneigte Männer wurden ohne Gerichtsverfahren in Anstalten gesteckt. Jugendliche wurden in Heime eingewiesen, weil sie sich aus Sicht der Behörden «unsittlich» verhielten. Für künftige Generationen wünsche ich mir, dass sie nicht mit derselben Sprachlosigkeit auf unsere Zeit zurückblicken müssen.